Stellungnahme der Sektion Nebenniere der DGE zu COVID-19: Hinweise für Patienten mit Nebenniereninsuffizienz

Die Pandemie mit dem neuartigen Coronavirus SARS-CoV2 hat die Welt verändert und verunsichert. Erst erschien das Virus weit weg, plötzlich war Europa einer der Hotspots mit hohen Krankheitszahlen. In den letzten Wochen hat sich die Situation insbesondere in Deutschland erfreulicherweise stabilisiert. Ausbrüche an verschiedenen Orten und auch die Situation in anderen Ländern zeigen uns aber, dass die Gefahr leider keineswegs gebannt ist und unser aller Alltag auch in den kommenden Monaten weiterhin von der Pandemie geprägt sein wird.

Bereits im März hatten wir als Sektion erste Hinweise für Menschen mit Nebenniereninsuffizienz veröffentlicht, wohlwissend, dass das Wissen um das neuartige Virus und seine Auswirkungen noch sehr unzureichend war. Auch jetzt, drei Monate später, ist unser Wissen begrenzt. Verschiedene Studien der vergangenen Jahre haben Hinweise auf ein generell erhöhtes Infektionsrisiko bei Patienten mit Nebenniereninsuffizienz hervorgebracht. Diese Arbeiten haben jedoch nicht näher untersucht, welche Infektionserreger (Bakterien, Viren oder Pilze) eine Rolle spielen, in welchen Organen sich die Infektion abspielt (z.B. Nasennebenhöhlen, Lunge, Blase, Darm) und ob bei den Betroffenen weitere Erkrankungen wie Diabetes, Herz- oder Lungenerkrankungen vorliegen.

Auch in anderen Ländern außerhalb Deutschlands haben Experten Stellungnahmen herausgegeben, aussagekräftige Studien zu COVID-19 bei Patienten mit Nebenniereninsuffizienz gibt es bislang nicht. Wir können daher zum jetzigen Zeitpunkt nicht mit letzter Sicherheit sagen, ob bei Nebenniereninsuffizienz ein höheres Ansteckungsrisiko mit SARS-CoV2 besteht.

Andererseits haben wir aber auch erfreulicherweise keine Anhaltspunkte dafür, dass Patienten mit Nebenniereninsuffizienz ein höheres Risiko für einen schweren Verlauf einer COVID-19 Erkrankung tragen.

Um mögliche Auswirkungen einer COVID-19 Erkrankung bei Nebenniereninsuffizienz besser einordnen zu können, haben wir gemeinsam mit dem europäischen Endo-ERN-Netzwerk eine Initiative gestartet, in deren Rahmen wir zunächst entsprechende Daten sammeln möchten. Wenn Sie als nebenniereninsuffizienter Patient an COVID-19 erkrankt waren oder sind, freuen wir uns daher über eine Kontaktaufnahme unter folgender E-Mail-Adresse: Nebenniere_ Covid@endokrinologie.net

Für die kommenden Monate und den „neuen Alltag“ mit dem SARS- CoV2-Virus erscheinen uns folgende Hinweise besonders wichtig:

  • Infektionserkrankungen – und somit natürlich auch eine COVID-19 Erkrankung – können zum Auftreten einer bedrohlichen Nebennierenkrise führen, wenn die Hydrocortisondosis nicht rechtzeitig und ausreichend erhöht wird. Bitte handeln Sie bei Zeichen eines Infektes (Fieber, Glieder-, Hals-, Kopfschmerzen, Husten etc.) nach den Grundregeln, wie wir sie auch in unserer Patientenschulung vermitteln. Diese Regeln gelten unabhängig davon, welches Virus oder welches Bakterium eine Erkrankung verursacht.
    Im Zweifelsfall IMMER großzügig Hydrocortison einnehmen! Erst handeln, dann denken! Nach jeder Selbstinjektion Arzt/ Notarzt informieren oder Krankenhaus aufsuchen, NOTFALL-AUSWEIS vorlegen und idealerweise den letzten Arztbrief mitnehmen.
  • Überprüfen Sie Ihren Vorrat an den notwendigen Medikamenten einschließlich der Notfallmedikamente und deren Ablaufdatum. Ein „Hamstern“ übergroßer Mengen ist nicht sinnvoll, Sie sollten aber ausreichend Medikamente auch für eine eventuelle Dosiserhöhung vorrätig haben. Bitte kontrollieren Sie, ob Ihr Notfallausweis noch aktuell ist und tragen Sie diesen bei sich.
  • Nehmen Sie Ihre Kontrolltermine bei Ihrem Endokrinologen/Ihrer Endokrinologin wahr, damit eine gute Einstellung Ihrer Therapie gewährleistet ist. Bei Unsicherheiten oder Beschwerden nehmen Sie bitte Kontakt mit Ihrem Arzt/Ihrer Ärztin auf – gegebenenfalls zunächst auch erst einmal telefonisch.
  • Um das Ansteckungsrisiko für sich, Ihre Familie und letztendlich uns alle gering zu halten, sollten Sie sich im privaten wie auch im beruflichen Umfeld weiterhin konsequent an die empfohlenen Abstands- und Hygieneregeln halten (regelmäßiges und gründliches Händewaschen, Husten- und Niesetikette, Tragen eines gutsitzenden Mund-Nasen-Schutzes in öffentlichen Verkehrsmitteln, Geschäften, beim Arzt etc.). Vermeiden Sie größere Menschenansammlungen und beschränken Sie Ihre persönlichen Kontakte auf einen kleinen Kreis von nahestehenden Menschen.
  • Für ein generelles Arbeitsverbot bzw. „Homeofficegebot“ für Menschen mit Nebenniereninsuffizienz sehen wir angesichts des Verlaufes der letzten Monate und der aktuellen Situation in Deutschland keinen Anhalt. Sprechen Sie Ihren Endokrinologe/Ihre Endokrinologin an, wenn Sie sich Sorgen machen oder unsicher sind. Er/sie wird Sie gerne unter Berücksichtigung Ihrer speziellen gesundheitlichen und beruflichen Situation beraten.

Die aktuelle Pandemie mit dem neuen Corona-COVID-19-Virus (SARS-CoV-2) hat die Welt verändert und führt weltweit nicht nur bei Patientinnen und Patienten zu Verunsicherung. Während sich aktuell (Juni 2020) die Situation in Deutschland wieder deutlich entspannter darstellt, weiß niemand genau, wie sich die Pandemie in den nächsten Monaten entwickelt. Die Sektion Nebenniere der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) hat bereits im März die folgende Stellungnahme auf der Website der DGE verfasst, die Patienten mit Nebenniereninsuffizienz Orientierung geben soll (siehe nächste Seite und www.endokrinologie.net/krankheiten-nebennieren-insuffizienz.php).

Betrachtet man die Studien in der Literatur zum Thema Nebenniereninsuffizienz und Infektionen, so zeigen ein Großteil der Studien ein erhöhtes Risiko für Infektionen bei Patienten mit Nebenniereninsuffizienz. Dabei wurde aber oft nicht unterschieden, welche Infektionen vorlagen (z. B. durch Bakterien, Viren oder Pilze), wo sie lokalisiert waren (z. B. Nasennebenhöhle, Bronchien, Lunge, Darm, Niere oder Blase), ob der Patient andere Grunderkrankungen hatte (Diabetes mellitus, Herzerkrankungen, Lungenerkrankungen) und ob der Patient zu Infektionsbeginn seine Hydrocortison-Dosis adäquat und vor allem schnell genug erhöht hatte. Oder ob dies erst nach ein paar Tagen der Fall war.

Es gibt bisher keinen Anhalt für ein höheres Ansteckungsrisiko oder einen schwereren Krankheitsverlauf bei einer COVID-19-Infektion bei Patienten mit einer Nebenniereninsuffizienz. Allerdings müssen wir einschränkend sagen, dass es bisher so gut wie keine Information zu nebenniereninsuffizienten Patienten gibt, die an COVID-19 erkrankt sind. Deshalb unterstützen wir die Initiative der Sektion Nebenniere der DGE und des europäischen Endo-ERN-Netzwerks, entsprechende Daten zu sammeln. Wenn Sie also von beiden Erkrankungen betroffen sind, würden wir uns freuen, wenn Sie sich hier der Sektion Nebenniere unter folgender E-Mail-Adresse Nebenniere_Covid(at)endokrinologie(punkt)net freiwllig melden würden.

Wichtig erscheint uns aber noch mal der Hinweis, dass in einem Krankheitsfall, die entsprechende Hydrocortison-Dosiserhöhung vor allem schnell und ausreichend durchgeführt werden sollte (siehe Instruktionen im Notfallausweis). Es sollte auch darauf geachtet werden, dass die Hydrocortison-Dosiserhöhung die gesamten 24 Stunden des Tages abdeckt und im Krankheitsfall kein „Hydrocortison-Loch“ in der Nacht besteht. Auch sollten die Patienten genügend Hydrocortison-Tabletten, ihre Notfall-Hydrocortison-Ampulle und die Notfall-Zäpfchen in ihrem Notfall-Set haben. Auch ist noch einmal darauf hinzuweisen, dass bei einer Zustandsverschlechterung die Hydrocortison-Notfall-Ampulle gegeben werden sollte und ein Transport zum Krankenhaus erfolgt.

Selbstverständlich gilt für Patienten mit Nebenniereninsuffizienz sowie für alle anderen Menschen, dass wir durch entsprechendes Abstandhalten, Nießetikette (in die Armbeuge) etc. die Verbreitung des Virus gemeinsam aktiv verhindern sollten.

In diesem Sinne wünschen wir allen Lesern der GLANDULA alles Gute und bleiben Sie gesund und Virus-frei.

Herzliche Grüße aus Würzburg, Hamburg und Berlin
Ihre Martin Fassnacht, Jörg Flitsch und Marcus Quinkler