PS: Für Anregungen und Verbesserungen sind wir dankbar und bitten
um Zusendung an:
Dr. Karin Frank-Raue, Prof. Dr. Friedhelm Raue
Fachärzte für Innere Medizin - Endokrinologie-
Brückenstr. 21
69120 Heidelberg (Neuenheim)
Geleitwort
Eine Krebserkrankung ist eines der schwersten Schicksale, das die Natur
auferlegen kann - manchmal verdunkelt die Schwere der Krankheit die Sicht
auf Fortschritte der Medizin, wenn diese nicht sehr einprägsam sind.
Dir Fortschritte werden rasch zur Selbstverständlichkeit, die dennoch
aber einen Blick zurück rechtfertigen.
Das medulläre Schilddrüsenkarzinom, das einen Teil des Krankheitsbildes
der multiplen endokrinen Neoplasie Typ 2 darstellt, war zu der Zeit, als
ich mein ärztliches Staatsexamen ablegte, als Erkrankung überhaupt
noch nicht bekannt - es ging im Schmelztopf von Krebsarten der Schilddrüse
unter, ohne in seiner Besonderheit den Ärzten klar zu sein. Damals
wurde gerade (1963) das H Hormon Calcitonin erst entdeckt, das heute der
wichtigste "Marker" für diese Erkrankung ist. Einige Jahre dauerte
es noch, bis bekannt wurde, daß die vermehrte Calcitoninproduktion
im Blut ein medulläres Schilddrüsenkarzinom ankündigt, nochmals
einige Jahre später wurde die erste Familie entdeckt, die die Möglichkeit
erkennen ließ, daß das Krankheitsschicksal eines ersten Familienmitgliedes
doch Hilfe für die Frühentdeckung der Erkrankung bei Jüngeren
(mit besseren Behandlungsmöglichkeiten) beinhaltete. In kaum 25 Jahren
wurden dann die Voraussetzungen für die heutige sicherere Betreuung
von Menschen mit dieser Krebsart geschaffen. Verbessert ist die verläßliche
Diagnostik, entwickelt wurden sehr hilfreiche und ausgeklügelte operative
Strategien auch im Stadium der Absiedelung der Erkrankung - besonders fortgeschritten
ist die Beratung betroffener Familien, wann und wie eine Frühdiagnose
möglich ist, die dann nicht nur die Behandlung einer Krebserkrankung
mit Lebensverlängerung, sondern ihre Heilung einschließt. Basierend
auf der Tradition unserer Abteilung, in der vor Jahrzehnten die ersten
Fälle dieser Erkrankung in Deutschland durch Messung des Hormons Calcitonin
im Blut (damals nur möglich im Tierversuch) erkannt wurden, stellen
die Verfasser für Laien das Krankheitsbild und die heutigen Möglichkeiten
zu seiner Erkennung und Behandlung vor. Dankbar sieht der ältere Arzt
den enormen Fortschritt, den er sich als junger Arzt in dieser Folgerichtigkeit
kaum vorstellen konnte. Dies ist wiederum begründeter Anlaß,
in unserem heutigen Wissen keinesfalls den Endpunkt bei der Betreuung schwieriger
Krebserkrankungen zu sehen.
Prof. Dr. R. Ziegler
Ärztlicher Direktor
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Vererbbarkeit der multiplen endokrinen Neoplasie Typ
2
Die Schilddrüse
Das familiäre medulläre Schilddrüsenkarzinom ist ein seltener bösartiger Tumor der Schilddrüse, der erblich ist, aber bei frühzeitiger Diagnosestellung durch eine Operation geheilt werden kann. Dieser Tumor kann zusammen mit gutartigen Tumoren der Nebenniere und der Nebenschilddrüse auftreten (Abb. 1), die Erkrankung wird dann "Multiple endokrine Neoplasie Typ 2a" (MEN 2a) genannt.
Dieser Ratgeber wurde geschrieben, um betroffene Familienmitglieder und die Angehörigen über die Untersuchungs- und Behandlungsmöglichkeiten dieser Erkrankung zu informieren.

Die Schilddrüse (Abb. 2) liegt in der unteren Halspartie vor dem Kehlkopf und der Luftröhre, direkt unter der Haut. Sie hat eine schmetterlingsähnliche Form mit zwei Seitenlappen und eine maximale Länge von ca. 5 cm. Die 4 Nebenschilddrüsen sind ca. erbsgroß und liegen jeweils oben und unten hinten an der Schilddrüse. Die beiden Nebennieren sind dreieckig geformte Drüsen von etwa der Größe eines kleinen Fingers und sitzen auf den Nieren.

Die multiple endokrine Neoplasie Typ 2 (MEN 2) ist eine Erbkrankheit, die in bestimmten Familien gehäuft vorkommt. Sie wird durch bestimmte Störungen der Erb-information auf den Genen verursacht. Gene sind in jeder Körperzelle vorhanden und befähigen die Zellen zu bestimmten Leistungen. Die Gene sitzen auf verschiedenen Chromosomen, beim Menschen insgesamt 46. Ein Beispiel hierfür sind die Gene, die die Haarzellen dazu veranlassen, Haare einer bestimmten Farbe wachsen zu lassen. Gene und damit die Erb-informationen werden von beiden Eltern an ihr Kind weitergegeben. Kinder können die Haarfarbe der Mutter oder die Augenfarbe des Vaters oder seine Muskelkraft erben.
Die MEN 2a wird durch eine Veränderung der Information (Mutation) auf dem Chromosom 10 verursacht. Durch verschiedene punktförmige Mutationen im Bereich des "Ret- Protoonkogens" wird dieses Onkogen aktiviert und bewirkt z.B. die Entwicklung eines medullären Schilddrüsenkarzinoms oder eines Nebennierentumors.
Jedes Kind eines Elternteils mit familiärem medullärem Schilddrüsenkarzinom
hat ein Risiko von 50% das veränderte, krebsbildende Gen zu erben.
Menschen, die das kranke Gen geerbt haben, werden im Laufe ihres Lebens
einen oder mehrere der mit der Erkrankung verbundenen Tumore bekommen.
Männer und Frauen sind gleichermaßen betroffen. Diese Erkrankung
betrifft nur die drei Drüsen Schilddrüse, Nebenschilddrüse
und Nebenniere.
Die Schilddrüse enthält zwei verschiedene hormonerzeugende Zellarten, die Schilddrüsenfollikelzellen und die C-Zellen. Die Schilddrüsenfollikelzellen produzieren das Schilddrüsenhormon, ein Hormon, das den Stoffwechsel reguliert, Wachstum und Gehirnfunktion beeinflußt. Die C-Zellen produzieren Calcitonin, ein Hormon, das im Calciumstoffwechsel eine Rolle spielt. Die Mehrzahl der C-Zellen liegt im oberen Drittel beider Schilddrüsenlappen . Betrachtet man einen Teil des oberen Drittels des Schilddrüsenlappens eines Gesunden unter dem Mikroskop, sieht man viele normale Follikelzellen und gelegentlich eine C-Zelle (Abb. 3a).
Die Entwicklung eines medullären Schilddrüsenkarzinoms

Das medulläre Schilddrüsenkarzinom entwickelt sich häufig in den oberen Anteilen der Schilddrüsenlappen, da hier die Anzahl der C-Zellen am höchsten ist (Kasten oben rechts).
Abbildung 3a zeigt normales Schilddrüsengewebe mit einer Follikelzelle und einer benachbarten C-Zelle. Bei den Menschen, die das medulläre Karzinom ererbt haben, entwickelt sich zunächst eine C-Zell-Vermehrung (Abbildung 3b, C-Zell-Hyperplasie) und daraus kann sich im weiteren Verlauf ein medulläres Schilddrüsenkarzinom bilden (Abb. 3c).
Die Entwicklung von einer normalen C-Zelle zum medullären Schilddrüsenkarzinom
Bei Menschen, die Genträger für das familiäre medulläre Schilddrüsenkarzinom sind, kommt es zu einem abnormen Wachstum der C-Zellen der Schilddrüse. Der Zeitpunkt, zu dem dieses abnorme Wachstum einsetzt, ist von Genträger zu Genträger unterschiedlich, es kann bereits kurz nach der Geburt beginnen oder auch erst im 35. Lebensjahr einsetzen. Schaut man mit dem Mikroskop auf die Schilddrüse eines Menschen mit gesteigertem Wachstum der C-Zellen, würde man ein Bild sehen, das Abbildung 3b ähnelt, man sieht eine Vermehrung der C-Zellen, eine C-Zell-Hyperplasie. Die meisten Ärzte betrachten die C-Zell-Hyperplasie als Vorstufe eines bösartigen Tumors (Präkanzerose). Die erkrankten C-Zellen haben sich in diesem Stadium noch nicht außerhalb der Schilddrüse ausgebreitet. Wird die Erkrankung in diesem Stadium nicht behandelt, kommt es zu einer weiteren Vermehrung der C-Zellen mit Entwicklung eines kleinen Tumors, der ohne Mikroskop noch nicht gesehen werden kann.
Wie lange genau die Entwicklung von normalen C-Zellen über die
Hyperplasie zum bösartigen medullären Schilddrüsenkarzinom
dauert, ist nicht bekannt, wahrscheinlich Jahre bis Jahrzehnte. Beim Übergang
von der Hyperplasie zum bösartigen medullären Schilddrüsenkarzinom
können sich einzelne Zellen oder Zellgruppen vom Tumor lösen
und sich auf Orte außerhalb der Schilddrüse ausbreiten (metastasieren).
Das familiäre medulläre Schilddrüsenkarzinom ist ein langsam
wachsender Tumor und es kann Jahre bis Jahrzehnte dauern, bis ein Tumor
von Walnußgröße gewachsen ist.
Nachweis des Gens für die multiple endokrine Neoplasie Typ 2
Die multiple endokrine Neoplasie Typ 2 wird durch eine Veränderung (Mutation auf dem Chromosom 10 verursacht. In einer bestimmten Region (Ret-Protoonkogen) sind punktförmige Veränderungen nachweisbar, die zur Aktivierung eines krebserzeugenden Gens (Onkogens) führen. Diese Mutation wird bei Patienten mit multiple endokriner Neoplasie vererbt und ist in allen Körperzellen nachweisbar, somit auch in Blutzellen. Sie wird, statistisch gesehen, auf 50% der Kinder übertragen. Es genügen 10 ml Blut (in einem Röhrchen mit gerinnungshemmendem Stoff EDTA) für den molekulargenetischen Nachweis der Mutation.
Familienmitglieder, bei denen eine MEN 2-Mutation nachgewiesen ist, sogenannte Genträger haben eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit (>95%) in Laufe ihres Lebens ein medulläres Schilddrüsenkarzinom zu entwickeln, deshalb stellt sich die Frage, zu welchem Zeitpunkt die Schilddrüse operativ entfernt werden sollte. Eine Antwort auf diese Frage ergibt sich aus der Tatsache, daß bisher bei keinem Kind, welches jünger als sechs Jahre war, Metastasen (d.h. Fernabsiedelungen) eines medullären Schilddrüsenkarzimoms gefunden wurden. Die Entfernung der Schilddrüse im Alter von sechs Jahren führte also zu einer sicheren Heilung.
Eine zweite Antwort auf die Frage nach dem Operationstermin ergibt sich aus der Beobachtung, daß alle Genträger, bei denen einmal pro Jahr ein Pentagastrintest (siehe unten) durchgeführt wurde und dann operiert wurden, als der Pentagastrintest sich von normal zu krankhaft veränderte, durch die Schilddrüsenoperation geheilt werden konnten.
Eine mögliche Vorgehensweise wäre also, die Kinder von Genträgern bis zum Alter von sechs Jahren bezüglich des Vorhanden seins der Mutation zu untersuchen und Genträger zu operieren. Eine andere Vorgehensweise wäre, bei positivem genetischen Befund, mit jährlichen Pentagastrintesten zu beginnen und dann die Schilddrüse zu operieren, wenn der Pentagastrintest pathologisch wird.
Das medulläre Schilddrüsenkarzinom ist insofern ein besonderer Tumor, als es durch die Messung eines bestimmten Hormons, des Calcitonins, nachgewiesen werden kann. Calcitonin wird auch bei Gesunden von den C-Zellen produziert und ins Blut abgegeben. Durch einen sehr empfindlichen Test kann das Calcitonin im Blut gemessen werden. Nur wenn Calcitonin im Blut erhöht gemessen wird, muß die Diagnose eines medullären Schilddrüsenkarzinoms in Betracht gezogen werden. Ist die Anzahl der C-Zellen in der Schilddrüse erhöht, wie z.B. bei der C-Zell-Hyperplasie oder beim C-Zell-Karzinom, ist auch die Calcitoninkonzentration im Blut erhöht. Die Empfindlichkeit der Calcitoninmessung in der Diagnostik des medullären Schilddrüsenkarzinoms kann durch einen Stimulations-Test verbessert werden. Mit diesem Stimulationstest regt man die Freisetzung des Hormons Calcitonin aus den C-Zellen an. Das Medikament, das die C-Zellen stimuliert, heißt Pentagastrin und wird durch die Vene gegeben.
Pentagastrin ist ein synthetisches (d.h. künstlich hergestelltes) Hormon, welches einem Hormon, das normalerweise in der Darmwand vorkommt, ähnlich ist. Wird Pentagastrin alleine oder in Kombination mit Calcium in die Vene verabreicht, kommt es sehr schnell zu einer Freisetzung von Calcitonin aus den C-Zellen. Zunächst wird nach Anlegen einer kleinen Plastikkanüle Blut abgenommen, dann wird eine geringe Menge Pentagastrin in die Vene injiziert, nach 2 und 5 Minuten wird dann über die liegende Kanüle erneut Blut abgenommen. Der gesamte Test dauert ca. 10 Minuten und kann ambulant durchgeführt werden. Der Test ist sicher, d.h. es werden keine schwerwiegenden Nebenwirkungen berichtet, bisher wurden sicherlich über 10000 Tests durchgeführt. Patienten, die Pentagastrin erhalten, können über 20 bis 30 Sekunden eine Anspannung im Oberbauch verspüren, gelegentlich kommt es zu Übelkeit, allgemeinem Wärmegefühl oder Kribbeln in den Extremitäten. All diese Symptome verschwinden 1-2 Minuten nach der Gabe von Pentagastrin. In den entnommenen Blutproben wird später im Labor Calcitonin bestimmt. Wenn ein überschiessender Anstieg des Calcitonin nach Pentagastrin nachweisbar ist, liegt höchstwahrscheinlich eine C-Zell-Hyperplasie bzw. ein kleines medulläres Schilddrüsenkarzinom in der Schilddrüse vor. Der Test sollte nüchtern durchgeführt werden.
C-Zell-Hyperplasie (= Vermehrung der C-Zellen)
Bei der C-Zell-Hyperplasie ist die Anzahl der C-Zellen in der Schilddrüse erhöht (Abb. 3b). Die C-Zell-Hyperplasie wird als gutartige Vorstufe des C-Zell-Karzinoms betrachtet. Das Vorhandensein einer C-Zell-Hyperplasie kann durch den erhöhten Calcitoninwert nach Pentagastrin- oder nach Pentagastrin/Calcium-Gabe nachgewiesen werden. Menschen mit C-Zell-Hyperplasie haben nach der Pentagastringabe erhöhte Calcitoninwerte im Blut, nicht jedoch in der Höhe wie bei Patienten mit medullärem Schilddrüsenkarzinom. Es ist wichtig, die Diagnose in einem frühen Stadium zu stellen, da der Tumor sich noch nicht ausgebreitet hat und vollständig entfernt werden kann. Ein Patient mit C-Zell-Hyperplasie hat keinerlei Beschwerden, die auf die Entwicklung eines Schilddrüsenkarzinoms hinweisen würden.
Die Behandlung der C-Zell-Hyperplasie oder jedes frühzeitig diagnostizierten
medullären Schilddrüsenkarzinoms ist die baldige Entfernung der
gesamten Schilddrüse. Die Entfernung der gesamten Schilddrüse
ist deshalb notwendig, weil sich das familiäre medulläre Schilddrüsenkarzinom
prinzipiell in jeder C-Zelle, d.h. in beiden Schilddrüsenlappen entwickeln
kann. Nach der Operation sind regelmäßige Nachuntersuchungen
notwendig, um festzustellen ob der Patient tumorfrei ist.
Wenn die C-Zell-Hyperplasie nicht durch die Entfernung der gesamten Schilddrüse behandelt wird, kommt es zur Weiterentwicklung in ein medulläres Schilddrüsenkarzinom (Abb. 3c). Anfänglich ist der Tumor klein, wird er jedoch nicht entfernt, kommt es ähnlich wie bei anderen Krebsarten, zu einer Ausbreitung außerhalb der Schilddrüse in Lymphknoten und andere Organe. Patienten mit einer Frühform des medullären Schilddrüsenkarzinoms haben, ähnlich wie Patienten mit C-Zell-Hyperplasie, keine Beschwerden, die auf einen Tumor hinweisen könnten. Patienten mit großen Tumoren können Durchfälle entwickeln. Wächst der Tumor in Organe wie Leber, Knochen oder Lunge, kann die normale Funktion dieser Organe beeinträchtigt sein.
Die Behandlung des medullären Schilddrüsenkarzinoms besteht
in der operativen Entfernung der gesamten Schilddrüse. Wie es einem
Patienten mit medullärem Schilddrüsenkarzinom ergeht, hängt
davon ab, wie frühzeitig der Tumor festgestellt wurde und ob er sich
bereits über die Schilddrüse hinaus ausgedehnt hat. Weitere Behandlungen
können bei Patienten mit Tumorausdehnung außerhalb der Schilddrüse
notwendig werden. Für diese Patienten ist es wichtig, daß sie
sich regelmäßig untersuchen lassen, um die Notwendigkeit weiterer
Behandlungen zu überprüfen.
Die operative Entfernung der gesamten Schilddrüse wird in Vollnarkose durchgeführt. Wird der Eingriff von einem erfahrenen Chirurgen vorgenommen, ist das Risiko des Eingriffes sehr gering. Zwei Komplikation, die vorkommen können, sind die Verletzung des/der Stimmbandnerven und die Schädigung der Funktion der Nebenschilddrüsen. Bei 1-2 von 100 Patienten, bei denen die gesamte Schilddrüse entfernt werden muß, kommt es zur Schädigung eines oder beider Stimmbandnerven und es entwickelt sich eine vorübergehende oder bleibende Heiserkeit. Die Verletzung der Entfernung aller Nebenschilddrüsen führt zu einem erniedrigten Gehalt von Calcium im Blut. Das kann zu Gefühlsstörungen oder Kribbeln in Armen, Beinen und um den Mund herum oder auch zu Muskelkrämpfen führen. Glücklicherweise können diese Störungen des niedrigen Calciumgehaltes im Blut durch die tägliche Einnahme von Vitamin D und Calcium gut behandelt werden. Wägt man das geringe Risiko der Schilddrüsenoperation gegen die Risiken eines nicht entfernten Schilddrüsenkrebses ab, ist die Entfernung der erkrankten Schilddrüse fast immer die Entscheidung der Wahl. Patienten, bei denen die gesamte Schilddrüse entfernt wurde, müssen durch die tägliche Einnahme von Schilddrüsenhormontabletten die Funktion der Schilddrüse ersetzen.

Die Nebennieren sind kleine, dreieckig geformte Drüsen, die dem oberen Ende der Nieren anliegen. Jede Nebenniere besteht aus zwei Teilen: Der Rinde, dem äußeren Anteil und dem Mark, dem inneren Anteil (siehe Abb. 4). Die Nebennierenrinde produziert die Hormone Cortisol und Aldosteron. Cortisol schützt den Körper gegen Streß, reguliert den Zucker-Verbrauch und ist notwendig für die Aufrechterhaltung eines normalen Blutdruckes. Aldosteron ist einer der Hauptregulatoren des Natrium-, Kalium- und Wasser-Haushaltes. Cortisol und Aldosteron sind lebensnotwendig. Sind beide Nebennieren entfernt, müssen Cortisol und Aldosteron in Tablettenform ersetzt werden. Ist nur eine Nebenniere entfernt, kann die verbliebene zweite Nebenniere leicht ausreichende Mengen an Cortisol und Aldosteron produzieren.
Das Nebennierenmark produziert die Hormone Adrenalin und Noradrenalin.
Diese beiden Hormone sind für eine Reihe von Körperfunktionen
wichtig, sie sind jedoch besonders in Streßsituation notwendig, in
denen sie den Blutdruck erhöhen, die Pumpfunktion des Herzens steigern
und die Verfügbarkeit von Zucker im Blut als Energiequelle erhöhen.
Ist das Nebennierenmark entfernt, können andere Drüsengewebe
im Körper diese Funktion übernehmen.
Das Gen, das für die Entwicklung des familiären medullären Schilddrüsenkarzinoms verantwortlich ist, kann auch eine Vergrößerung oder Tumoren des Nebennierenmarkes hervorrufen. Die Beteiligung des Nebennierenmarks weist einige Besonderheiten auf:
Die Veränderungen in den Nebennieren nehmen einen ähnlichen Verlauf wie die bereits bei der Schilddrüse beschriebenen: Abbildung 5 zeigt die Entwicklung eines Tumors im Nebennierenmark: Aus einem normalen Nebennierenmark entsteht über eine Hyperplasie des Nebennierenmarks (einer generalisierten Zunahme der Zellzahl und auch der Größe des Nebennierenmarks ohne einen umschriebenen Tumor) ein Tumor des Nebennierenmarks (dieser heißt "Phäochromozytom" wegen seiner schwärzlich gefärbten Zellen).

Ein Phäochromozytom ist ein Tumor des Nebennierenmarks, der in der Regel nicht bösartig ist. Menschen, die das Gen für das medulläre Schilddrüsenkarzinom geerbt haben, können Veränderungen oder Tumoren des Nebennierenmarks beider Nebennieren entwickeln. Nicht alle Patienten mit einem Phäochromozytom werden Beschwerden durch diese Tumoren haben. Wenn Beschwerden auftreten, können diese folgendermaßen aussehen:
Alle diese Symptome entstehen durch hohe Blutspiegel der Hormone Adrenalin oder Noradrenalin, die ungeregelt aus dem Tumor der Nebenniere ausgeschüttet werden. Es ist normalerweise möglich, einen derartigen Tumor durch Messung von Adrenalin und Noradrenalin und ihren Abbauprodukten im Blut und Urin nachzuweisen. Blutabnahmen und die Sammlung eines 24-Stunden-Urins sind notwendig, um diese Substanzen zu messen. Ihr Arzt wird Sie möglicherweise anweisen, vor dem Test einige Tage eine Diät einzuhalten: Sie dürfen dann keine Bananen, keine Vanille, keinen Kaffee, keinen Tee, keinen Kakao, keine Schokolade und keine Coca-Cola zu sich nehmen und keine Medikamente wie Beruhigungsmittel und Nasensprays für Erkältungen anwenden. Alle diese genannten Dinge führen nämlich zu einer "natürlichen" Erhöhung von Adrenalin und Noradrenalin bzw. verfälschen das Testergebnis.
Wenn die Blut- oder Urinuntersuchungen positiv ausfallen, d.h. die Werte erhöht oder verdächtig sind, wird Ihr Arzt Ihnen die Durchführung einer Computertomographie oder Kernspintomographie der Nebennierenregion und/oder ggf. eine bestimmte Szintigraphie (MIBG-Szintigraphie) der Nebennieren empfehlen. Ob nur eine oder alle Untersuchungen durchgeführt werden müssen, hängt von den Ergebnissen im Einzelfall lab. Mit diesen Untersuchungen kann man die Lage und die Größe des Tumors feststellen. Dies ist wichtig für die Operationsplanung.
Die Behandlung des Phäochromozytoms ist die chirurgische Entfernung der Nebenniere. Die Entscheidung ob eine oder beide Nebennieren entfernt werden sollen, muß diskutiert werden. Einige Ärzte meinen, daß bei Patienten mit MEN 2a beide Nebennieren entfernt werden sollten, da eine gewisse Wahrscheinlichkeit besteht, daß sich in Zukunft auch in der anderen Nebenniere ein Phäochromozytom entwickelt. Andere Ärzte wiederum meinen, daß die zweite Nebenniere erst dann, wenn sich ein Tumor entwickelt hat, entfernt werden sollte. Darüber sollten Sie mit Ihrem Arzt sprechen.
Bei Patienten, bei denen beide Nebennieren entfernt sind, müssen die fehlenden Hormone Cortisol und Aldosteron durch Tabletteneinnahme ersetzt werden. Cortisol wird durch Cortison (z.B. Cortison Ciba(R), Hydrocortison Hoechst (R)) in 2-3 Gaben über den Tag verteilt, ersetzt, Aldosteron wird durch die Gabe von meist 1 Tablette Fludrocortison pro Tag (z.B. Astonin H(R) ) ersetzt. Die Dosis wird individuell angepaßt.
Es ist sehr wichtig, daß Patienten ohne Nebennieren regelmäßig
täglich Cortison einnehmen. Kann ein Patient wegen Übelkeit und
Erbrechen oder aus anderen Gründen seine Medikamente nicht einnehmen,
muß Cortison intravenös (durch die Vene) ggf. in erhöhter
Dosis verabreicht werden. Patienten und Familienangehörige von Patienten
ohne Nebenniere sollten lernen, eine Cortisonspritze zu geben für
den Fall, daß die Tabletteneinnahme nicht möglich ist. Es ist
sehr wichtig, daß Patienten, bei denen beide Nebennieren entfernt
worden sind wissen, daß sie in Streßsituationen die Cortisondosis
erhöhen müssen. Beispiele für Streßsituation sind
Fieber, Erkältungen, Grippe, Operationen oder Narkose. Außerdem
ist es für Patienten wichtig, einen Notfallausweis bei sich zu haben
oder eine Halskette zu tragen, aus denen klar hervorgeht, daß der
Patient keine Nebennieren hat und sie/er in Notfallsituationen eine Cortison-Substitution
benötigt. Patienten, die diese einfachen hier aufgelisteten Vorsichtsmaßnahmen
beachten, können ein völlig normales Leben ohne Einbußen
an Lebensqualität führen.
Der Mensch hat in der Regel 4 Nebenschilddrüsen, jede ist kleiner als eine Erbse. Die Nebenschilddrüsen liegen meistens am Hinterrand der Schilddrüse (siehe Abbildung 1 und 2) und produzieren das Hormon Parathormon. Parathormon ist wichtig für die Aufrechterhaltung eines normalen Blut-Calciumspiegels. Sinkt der Blut-Calciumspiegel, wird Parathormon ins Blut ausgeschüttet und bewirkt am Knochen eine Calciumfreisetzung ins Blut. Ist der Blut-Calciumspiegel wieder normal, wird kein Parathormon mehr freigesetzt bis der Blut-Calciumspiegel erneut abfällt. Die Nebenschilddrüsen sind aus zwei Gründen in Familien mit MEN 2a wichtig:
Das erhöhte Parathormon führ durch die vermehrte Calciumfreisetzung aus dem Knochen zu einem Anstieg des Calciumspiegels im Blut. Ein ständiger Abbau des Knochens durch das Zuviel an Parathormon kann zu einigen Problemen führen:
Die Behandlung des Hyperparathyreoidismus besteht in der chirurgischen
Entfernung der Nebenschilddrüse, die zuviel Parathormon produziert.
Meist ist bei Patienten mit MEN 2a mehr als eine Nebenschilddrüse
vergrößert. Die Entscheidung, wieviel Nebenschilddrüsengewebe
entfernt werden sollte, muß vom Chirurgen während der Operation
gefällt werden, da es vor der Operation schwierig ist, das Ausmaß
der Nebenschilddrüsenerkrankung festzustellen.
Fortschritte in der Diagnostik und Behandlung des familiären medullären
Schilddrüsenkarzinoms im Verlauf des letzten Jahrzehnts haben dazu
geführt, daß ein sehr hoher Anteil der betroffenen Familienmitglieder,
die frühzeitig und regelmäßig untersucht werden und deshalb
auch frühzeitig behandelt werden können, vom medullären
Schilddrüsenkarzinom geheilt oder vor einem Karzinom bewahrt werden
können. Ähnlich kann durch eine regelmäßige Untersuchung
die Behandlung der Nebennieren- und Nebenschilddrüsentumoren frühzeitig
erfolgen und dadurch schwerwiegende Probleme durch diese Tumore vermieden
werden.