Patienteninformationsblatt
Das familiäre medulläre Schilddrüsenkarzinom
Multiple endokrine Neoplasie Typ 2 (MEN 2)

Ein Ratgeber für betroffene Familien

Karin Frank-Raue, Friedhelm Raue



Vorwort 
Die tägliche Arbeit mit unseren Patienten hat uns ermutigt diesen kleinen Patientenratgeber zu schreiben. Er soll das Aufklärungsgespräch nicht ersetzen, sondern dem Patienten eine Hilfe beim Verstehen des seltenen und komplexen Krankheitsbildes sein. Als Anregung und Vorlage dienten uns der amerikanische (verfaßt von RF Gagel und Feldmann) und holländische Ratgeber für Patienten mit multipler endokriner Neoplasie. Unterstützt wurde dieses Vorhaben von der Deutschen Krebshilfe.

PS: Für Anregungen und Verbesserungen sind wir dankbar und bitten um Zusendung an:
Dr. Karin Frank-Raue, Prof. Dr. Friedhelm Raue
Fachärzte für Innere Medizin - Endokrinologie-
Brückenstr. 21
69120 Heidelberg (Neuenheim)

Geleitwort 
Eine Krebserkrankung ist eines der schwersten Schicksale, das die Natur auferlegen kann - manchmal verdunkelt die Schwere der Krankheit die Sicht auf Fortschritte der Medizin, wenn diese nicht sehr einprägsam sind. Dir Fortschritte werden rasch zur Selbstverständlichkeit, die dennoch aber einen Blick zurück rechtfertigen.
Das medulläre Schilddrüsenkarzinom, das einen Teil des Krankheitsbildes der multiplen endokrinen Neoplasie Typ 2 darstellt, war zu der Zeit, als ich mein ärztliches Staatsexamen ablegte, als Erkrankung überhaupt noch nicht bekannt - es ging im Schmelztopf von Krebsarten der Schilddrüse unter, ohne in seiner Besonderheit den Ärzten klar zu sein. Damals wurde gerade (1963) das H Hormon Calcitonin erst entdeckt, das heute der wichtigste "Marker" für diese Erkrankung ist. Einige Jahre dauerte es noch, bis bekannt wurde, daß die vermehrte Calcitoninproduktion im Blut ein medulläres Schilddrüsenkarzinom ankündigt, nochmals einige Jahre später wurde die erste Familie entdeckt, die die Möglichkeit erkennen ließ, daß das Krankheitsschicksal eines ersten Familienmitgliedes doch Hilfe für die Frühentdeckung der Erkrankung bei Jüngeren (mit besseren Behandlungsmöglichkeiten) beinhaltete. In kaum 25 Jahren wurden dann die Voraussetzungen für die heutige sicherere Betreuung von Menschen mit dieser Krebsart geschaffen. Verbessert ist die verläßliche Diagnostik, entwickelt wurden sehr hilfreiche und ausgeklügelte operative Strategien auch im Stadium der Absiedelung der Erkrankung - besonders fortgeschritten ist die Beratung betroffener Familien, wann und wie eine Frühdiagnose möglich ist, die dann nicht nur die Behandlung einer Krebserkrankung mit Lebensverlängerung, sondern ihre Heilung einschließt. Basierend auf der Tradition unserer Abteilung, in der vor Jahrzehnten die ersten Fälle dieser Erkrankung in Deutschland durch Messung des Hormons Calcitonin im Blut (damals nur möglich im Tierversuch) erkannt wurden, stellen die Verfasser für Laien das Krankheitsbild und die heutigen Möglichkeiten zu seiner Erkennung und Behandlung vor. Dankbar sieht der ältere Arzt den enormen Fortschritt, den er sich als junger Arzt in dieser Folgerichtigkeit kaum vorstellen konnte. Dies ist wiederum begründeter Anlaß, in unserem heutigen Wissen keinesfalls den Endpunkt bei der Betreuung schwieriger Krebserkrankungen zu sehen.

Prof. Dr. R. Ziegler
Ärztlicher Direktor 


Inhaltsverzeichnis

Einleitung
Vererbbarkeit der multiplen endokrinen Neoplasie Typ 2
Die Schilddrüse

Die Entwicklung von einer normalen C-Zelle zum medullären Schilddrüsenkarzinom
Wie werden Familienmitglieder bezüglich des medullären Schilddrüsenkarzinoms untersucht?
Nachweis des Gens für die multiple endokrine Neoplasie Typ 2
Das Hormon Calcitonin
Der Pentagastrin-Test
C-Zell-Hyperplasie(= Vermehrung der C-Zellen)
Das medulläre Schilddrüsenkarzinom
Was ein Patient über Schilddrüsenoperationen wissen sollte
Die Nebennieren
Tumoren der Nebennieren
Die Nebenschilddrüsen
Die Zukunft

Einleitung

Das familiäre medulläre Schilddrüsenkarzinom ist ein seltener bösartiger Tumor der Schilddrüse, der erblich ist, aber bei frühzeitiger Diagnosestellung durch eine Operation geheilt werden kann. Dieser Tumor kann zusammen mit gutartigen Tumoren der Nebenniere und der Nebenschilddrüse auftreten (Abb. 1), die Erkrankung wird dann "Multiple endokrine Neoplasie Typ 2a" (MEN 2a) genannt.

Dieser Ratgeber wurde geschrieben, um betroffene Familienmitglieder und die Angehörigen über die Untersuchungs- und Behandlungsmöglichkeiten dieser Erkrankung zu informieren.

Abb. 1: Lage von Schilddrüse, Nebenschilddrüse und Nebennieren im Körper

Die Schilddrüse (Abb. 2) liegt in der unteren Halspartie vor dem Kehlkopf und der Luftröhre, direkt unter der Haut. Sie hat eine schmetterlingsähnliche Form mit zwei Seitenlappen und eine maximale Länge von ca. 5 cm. Die 4 Nebenschilddrüsen sind ca. erbsgroß und liegen jeweils oben und unten hinten an der Schilddrüse. Die beiden Nebennieren sind dreieckig geformte Drüsen von etwa der Größe eines kleinen Fingers und sitzen auf den Nieren.

Abb. 2: Lage von Schilddrüse und Nebenschilddrüsen am Hals


Vererbbarkeit der multiplen endokrinen Neoplasie Typ 2

Die multiple endokrine Neoplasie Typ 2 (MEN 2) ist eine Erbkrankheit, die in bestimmten Familien gehäuft vorkommt. Sie wird durch bestimmte Störungen der Erb-information auf den Genen verursacht. Gene sind in jeder Körperzelle vorhanden und befähigen die Zellen zu bestimmten Leistungen. Die Gene sitzen auf verschiedenen Chromosomen, beim Menschen insgesamt 46. Ein Beispiel hierfür sind die Gene, die die Haarzellen dazu veranlassen, Haare einer bestimmten Farbe wachsen zu lassen. Gene und damit die Erb-informationen werden von beiden Eltern an ihr Kind weitergegeben. Kinder können die Haarfarbe der Mutter oder die Augenfarbe des Vaters oder seine Muskelkraft erben.

Die MEN 2a wird durch eine Veränderung der Information (Mutation) auf dem Chromosom 10 verursacht. Durch verschiedene punktförmige Mutationen im Bereich des "Ret- Protoonkogens" wird dieses Onkogen aktiviert und bewirkt z.B. die Entwicklung eines medullären Schilddrüsenkarzinoms oder eines Nebennierentumors.

Jedes Kind eines Elternteils mit familiärem medullärem Schilddrüsenkarzinom hat ein Risiko von 50% das veränderte, krebsbildende Gen zu erben. Menschen, die das kranke Gen geerbt haben, werden im Laufe ihres Lebens einen oder mehrere der mit der Erkrankung verbundenen Tumore bekommen. Männer und Frauen sind gleichermaßen betroffen. Diese Erkrankung betrifft nur die drei Drüsen Schilddrüse, Nebenschilddrüse und Nebenniere.


Die Schilddrüse

Die Schilddrüse enthält zwei verschiedene hormonerzeugende Zellarten, die Schilddrüsenfollikelzellen und die C-Zellen. Die Schilddrüsenfollikelzellen produzieren das Schilddrüsenhormon, ein Hormon, das den Stoffwechsel reguliert, Wachstum und Gehirnfunktion beeinflußt. Die C-Zellen produzieren Calcitonin, ein Hormon, das im Calciumstoffwechsel eine Rolle spielt. Die Mehrzahl der C-Zellen liegt im oberen Drittel beider Schilddrüsenlappen . Betrachtet man einen Teil des oberen Drittels des Schilddrüsenlappens eines Gesunden unter dem Mikroskop, sieht man viele normale Follikelzellen und gelegentlich eine C-Zelle (Abb. 3a).

Die Entwicklung eines medullären Schilddrüsenkarzinoms


Abb. 3

Das medulläre Schilddrüsenkarzinom entwickelt sich häufig in den oberen Anteilen der Schilddrüsenlappen, da hier die Anzahl der C-Zellen am höchsten ist (Kasten oben rechts).

Abbildung 3a zeigt normales Schilddrüsengewebe mit einer Follikelzelle und einer benachbarten C-Zelle. Bei den Menschen, die das medulläre Karzinom ererbt haben, entwickelt sich zunächst eine C-Zell-Vermehrung (Abbildung 3b, C-Zell-Hyperplasie) und daraus kann sich im weiteren Verlauf ein medulläres Schilddrüsenkarzinom bilden (Abb. 3c).

Die Entwicklung von einer normalen C-Zelle zum medullären Schilddrüsenkarzinom

Bei Menschen, die Genträger für das familiäre medulläre Schilddrüsenkarzinom sind, kommt es zu einem abnormen Wachstum der C-Zellen der Schilddrüse. Der Zeitpunkt, zu dem dieses abnorme Wachstum einsetzt, ist von Genträger zu Genträger unterschiedlich, es kann bereits kurz nach der Geburt beginnen oder auch erst im 35. Lebensjahr einsetzen. Schaut man mit dem Mikroskop auf die Schilddrüse eines Menschen mit gesteigertem Wachstum der C-Zellen, würde man ein Bild sehen, das Abbildung 3b ähnelt, man sieht eine Vermehrung der C-Zellen, eine C-Zell-Hyperplasie. Die meisten Ärzte betrachten die C-Zell-Hyperplasie als Vorstufe eines bösartigen Tumors (Präkanzerose). Die erkrankten C-Zellen haben sich in diesem Stadium noch nicht außerhalb der Schilddrüse ausgebreitet. Wird die Erkrankung in diesem Stadium nicht behandelt, kommt es zu einer weiteren Vermehrung der C-Zellen mit Entwicklung eines kleinen Tumors, der ohne Mikroskop noch nicht gesehen werden kann.

Wie lange genau die Entwicklung von normalen C-Zellen über die Hyperplasie zum bösartigen medullären Schilddrüsenkarzinom dauert, ist nicht bekannt, wahrscheinlich Jahre bis Jahrzehnte. Beim Übergang von der Hyperplasie zum bösartigen medullären Schilddrüsenkarzinom können sich einzelne Zellen oder Zellgruppen vom Tumor lösen und sich auf Orte außerhalb der Schilddrüse ausbreiten (metastasieren). Das familiäre medulläre Schilddrüsenkarzinom ist ein langsam wachsender Tumor und es kann Jahre bis Jahrzehnte dauern, bis ein Tumor von Walnußgröße gewachsen ist.


Wie werden Familienmitglieder bezüglich des medullären Schilddrüsenkarzinoms untersucht?

Nachweis des Gens für die multiple endokrine Neoplasie Typ 2

Die multiple endokrine Neoplasie Typ 2 wird durch eine Veränderung (Mutation auf dem Chromosom 10 verursacht. In einer bestimmten Region (Ret-Protoonkogen) sind punktförmige Veränderungen nachweisbar, die zur Aktivierung eines krebserzeugenden Gens (Onkogens) führen. Diese Mutation wird bei Patienten mit multiple endokriner Neoplasie vererbt und ist in allen Körperzellen nachweisbar, somit auch in Blutzellen. Sie wird, statistisch gesehen, auf 50% der Kinder übertragen. Es genügen 10 ml Blut (in einem Röhrchen mit gerinnungshemmendem Stoff EDTA) für den molekulargenetischen Nachweis der Mutation.

Familienmitglieder, bei denen eine MEN 2-Mutation nachgewiesen ist, sogenannte Genträger haben eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit (>95%) in Laufe ihres Lebens ein medulläres Schilddrüsenkarzinom zu entwickeln, deshalb stellt sich die Frage, zu welchem Zeitpunkt die Schilddrüse operativ entfernt werden sollte. Eine Antwort auf diese Frage ergibt sich aus der Tatsache, daß bisher bei keinem Kind, welches jünger als sechs Jahre war, Metastasen (d.h. Fernabsiedelungen) eines medullären Schilddrüsenkarzimoms gefunden wurden. Die Entfernung der Schilddrüse im Alter von sechs Jahren führte also zu einer sicheren Heilung.

Eine zweite Antwort auf die Frage nach dem Operationstermin ergibt sich aus der Beobachtung, daß alle Genträger, bei denen einmal pro Jahr ein Pentagastrintest (siehe unten) durchgeführt wurde und dann operiert wurden, als der Pentagastrintest sich von normal zu krankhaft veränderte, durch die Schilddrüsenoperation geheilt werden konnten.

Eine mögliche Vorgehensweise wäre also, die Kinder von Genträgern bis zum Alter von sechs Jahren bezüglich des Vorhanden seins der Mutation zu untersuchen und Genträger zu operieren. Eine andere Vorgehensweise wäre, bei positivem genetischen Befund, mit jährlichen Pentagastrintesten zu beginnen und dann die Schilddrüse zu operieren, wenn der Pentagastrintest pathologisch wird.

Das Hormon Calcitonin

Das medulläre Schilddrüsenkarzinom ist insofern ein besonderer Tumor, als es durch die Messung eines bestimmten Hormons, des Calcitonins, nachgewiesen werden kann. Calcitonin wird auch bei Gesunden von den C-Zellen produziert und ins Blut abgegeben. Durch einen sehr empfindlichen Test kann das Calcitonin im Blut gemessen werden. Nur wenn Calcitonin im Blut erhöht gemessen wird, muß die Diagnose eines medullären Schilddrüsenkarzinoms in Betracht gezogen werden. Ist die Anzahl der C-Zellen in der Schilddrüse erhöht, wie z.B. bei der C-Zell-Hyperplasie oder beim C-Zell-Karzinom, ist auch die Calcitoninkonzentration im Blut erhöht. Die Empfindlichkeit der Calcitoninmessung in der Diagnostik des medullären Schilddrüsenkarzinoms kann durch einen Stimulations-Test verbessert werden. Mit diesem Stimulationstest regt man die Freisetzung des Hormons Calcitonin aus den C-Zellen an. Das Medikament, das die C-Zellen stimuliert, heißt Pentagastrin und wird durch die Vene gegeben.

Der Pentagastrin-Test

Pentagastrin ist ein synthetisches (d.h. künstlich hergestelltes) Hormon, welches einem Hormon, das normalerweise in der Darmwand vorkommt, ähnlich ist. Wird Pentagastrin alleine oder in Kombination mit Calcium in die Vene verabreicht, kommt es sehr schnell zu einer Freisetzung von Calcitonin aus den C-Zellen. Zunächst wird nach Anlegen einer kleinen Plastikkanüle Blut abgenommen, dann wird eine geringe Menge Pentagastrin in die Vene injiziert, nach 2 und 5 Minuten wird dann über die liegende Kanüle erneut Blut abgenommen. Der gesamte Test dauert ca. 10 Minuten und kann ambulant durchgeführt werden. Der Test ist sicher, d.h. es werden keine schwerwiegenden Nebenwirkungen berichtet, bisher wurden sicherlich über 10000 Tests durchgeführt. Patienten, die Pentagastrin erhalten, können über 20 bis 30 Sekunden eine Anspannung im Oberbauch verspüren, gelegentlich kommt es zu Übelkeit, allgemeinem Wärmegefühl oder Kribbeln in den Extremitäten. All diese Symptome verschwinden 1-2 Minuten nach der Gabe von Pentagastrin. In den entnommenen Blutproben wird später im Labor Calcitonin bestimmt. Wenn ein überschiessender Anstieg des Calcitonin nach Pentagastrin nachweisbar ist, liegt höchstwahrscheinlich eine C-Zell-Hyperplasie bzw. ein kleines medulläres Schilddrüsenkarzinom in der Schilddrüse vor. Der Test sollte nüchtern durchgeführt werden.

C-Zell-Hyperplasie (= Vermehrung der C-Zellen)

Bei der C-Zell-Hyperplasie ist die Anzahl der C-Zellen in der Schilddrüse erhöht (Abb. 3b). Die C-Zell-Hyperplasie wird als gutartige Vorstufe des C-Zell-Karzinoms betrachtet. Das Vorhandensein einer C-Zell-Hyperplasie kann durch den erhöhten Calcitoninwert nach Pentagastrin- oder nach Pentagastrin/Calcium-Gabe nachgewiesen werden. Menschen mit C-Zell-Hyperplasie haben nach der Pentagastringabe erhöhte Calcitoninwerte im Blut, nicht jedoch in der Höhe wie bei Patienten mit medullärem Schilddrüsenkarzinom. Es ist wichtig, die Diagnose in einem frühen Stadium zu stellen, da der Tumor sich noch nicht ausgebreitet hat und vollständig entfernt werden kann. Ein Patient mit C-Zell-Hyperplasie hat keinerlei Beschwerden, die auf die Entwicklung eines Schilddrüsenkarzinoms hinweisen würden.

Die Behandlung der C-Zell-Hyperplasie oder jedes frühzeitig diagnostizierten medullären Schilddrüsenkarzinoms ist die baldige Entfernung der gesamten Schilddrüse. Die Entfernung der gesamten Schilddrüse ist deshalb notwendig, weil sich das familiäre medulläre Schilddrüsenkarzinom prinzipiell in jeder C-Zelle, d.h. in beiden Schilddrüsenlappen entwickeln kann. Nach der Operation sind regelmäßige Nachuntersuchungen notwendig, um festzustellen ob der Patient tumorfrei ist.


Das medulläre Schilddrüsenkarzinom

Wenn die C-Zell-Hyperplasie nicht durch die Entfernung der gesamten Schilddrüse behandelt wird, kommt es zur Weiterentwicklung in ein medulläres Schilddrüsenkarzinom (Abb. 3c). Anfänglich ist der Tumor klein, wird er jedoch nicht entfernt, kommt es ähnlich wie bei anderen Krebsarten, zu einer Ausbreitung außerhalb der Schilddrüse in Lymphknoten und andere Organe. Patienten mit einer Frühform des medullären Schilddrüsenkarzinoms haben, ähnlich wie Patienten mit C-Zell-Hyperplasie, keine Beschwerden, die auf einen Tumor hinweisen könnten. Patienten mit großen Tumoren können Durchfälle entwickeln. Wächst der Tumor in Organe wie Leber, Knochen oder Lunge, kann die normale Funktion dieser Organe beeinträchtigt sein.

Die Behandlung des medullären Schilddrüsenkarzinoms besteht in der operativen Entfernung der gesamten Schilddrüse. Wie es einem Patienten mit medullärem Schilddrüsenkarzinom ergeht, hängt davon ab, wie frühzeitig der Tumor festgestellt wurde und ob er sich bereits über die Schilddrüse hinaus ausgedehnt hat. Weitere Behandlungen können bei Patienten mit Tumorausdehnung außerhalb der Schilddrüse notwendig werden. Für diese Patienten ist es wichtig, daß sie sich regelmäßig untersuchen lassen, um die Notwendigkeit weiterer Behandlungen zu überprüfen.


Was ein Patient über Schilddrüsenoperationen wissen sollte

Die operative Entfernung der gesamten Schilddrüse wird in Vollnarkose durchgeführt. Wird der Eingriff von einem erfahrenen Chirurgen vorgenommen, ist das Risiko des Eingriffes sehr gering. Zwei Komplikation, die vorkommen können, sind die Verletzung des/der Stimmbandnerven und die Schädigung der Funktion der Nebenschilddrüsen. Bei 1-2 von 100 Patienten, bei denen die gesamte Schilddrüse entfernt werden muß, kommt es zur Schädigung eines oder beider Stimmbandnerven und es entwickelt sich eine vorübergehende oder bleibende Heiserkeit. Die Verletzung der Entfernung aller Nebenschilddrüsen führt zu einem erniedrigten Gehalt von Calcium im Blut. Das kann zu Gefühlsstörungen oder Kribbeln in Armen, Beinen und um den Mund herum oder auch zu Muskelkrämpfen führen. Glücklicherweise können diese Störungen des niedrigen Calciumgehaltes im Blut durch die tägliche Einnahme von Vitamin D und Calcium gut behandelt werden. Wägt man das geringe Risiko der Schilddrüsenoperation gegen die Risiken eines nicht entfernten Schilddrüsenkrebses ab, ist die Entfernung der erkrankten Schilddrüse fast immer die Entscheidung der Wahl. Patienten, bei denen die gesamte Schilddrüse entfernt wurde, müssen durch die tägliche Einnahme von Schilddrüsenhormontabletten die Funktion der Schilddrüse ersetzen.


Abb. 4: Lage der Nebennieren


Die Nebennieren

Die Nebennieren sind kleine, dreieckig geformte Drüsen, die dem oberen Ende der Nieren anliegen. Jede Nebenniere besteht aus zwei Teilen: Der Rinde, dem äußeren Anteil und dem Mark, dem inneren Anteil (siehe Abb. 4). Die Nebennierenrinde produziert die Hormone Cortisol und Aldosteron. Cortisol schützt den Körper gegen Streß, reguliert den Zucker-Verbrauch und ist notwendig für die Aufrechterhaltung eines normalen Blutdruckes. Aldosteron ist einer der Hauptregulatoren des Natrium-, Kalium- und Wasser-Haushaltes. Cortisol und Aldosteron sind lebensnotwendig. Sind beide Nebennieren entfernt, müssen Cortisol und Aldosteron in Tablettenform ersetzt werden. Ist nur eine Nebenniere entfernt, kann die verbliebene zweite Nebenniere leicht ausreichende Mengen an Cortisol und Aldosteron produzieren.

Das Nebennierenmark produziert die Hormone Adrenalin und Noradrenalin. Diese beiden Hormone sind für eine Reihe von Körperfunktionen wichtig, sie sind jedoch besonders in Streßsituation notwendig, in denen sie den Blutdruck erhöhen, die Pumpfunktion des Herzens steigern und die Verfügbarkeit von Zucker im Blut als Energiequelle erhöhen. Ist das Nebennierenmark entfernt, können andere Drüsengewebe im Körper diese Funktion übernehmen.


Tumoren der Nebennieren

Das Gen, das für die Entwicklung des familiären medullären Schilddrüsenkarzinoms verantwortlich ist, kann auch eine Vergrößerung oder Tumoren des Nebennierenmarkes hervorrufen. Die Beteiligung des Nebennierenmarks weist einige Besonderheiten auf:

  1. Bösartige Tumoren des Nebennierenmarks sind bei der multiplen endokrinen Neoplasie extrem selten (weniger als 1%), die Tumoren, die sich im Nebennierenmark entwickeln können, sind in der Regel gutartig.
  2. Meistens wird die Erkrankung nach der Schilddrüsenerkrankung festgestellt.
  3. Meist ist zunächst nur ein Nebennierenmark befallen.

Die Veränderungen in den Nebennieren nehmen einen ähnlichen Verlauf wie die bereits bei der Schilddrüse beschriebenen: Abbildung 5 zeigt die Entwicklung eines Tumors im Nebennierenmark: Aus einem normalen Nebennierenmark entsteht über eine Hyperplasie des Nebennierenmarks (einer generalisierten Zunahme der Zellzahl und auch der Größe des Nebennierenmarks ohne einen umschriebenen Tumor) ein Tumor des Nebennierenmarks (dieser heißt "Phäochromozytom" wegen seiner schwärzlich gefärbten Zellen).


Abb. 5: Die Entwicklung eines Tumors des Nebennierenmarks (Phäochromozytom)

Ein Phäochromozytom ist ein Tumor des Nebennierenmarks, der in der Regel nicht bösartig ist. Menschen, die das Gen für das medulläre Schilddrüsenkarzinom geerbt haben, können Veränderungen oder Tumoren des Nebennierenmarks beider Nebennieren entwickeln. Nicht alle Patienten mit einem Phäochromozytom werden Beschwerden durch diese Tumoren haben. Wenn Beschwerden auftreten, können diese folgendermaßen aussehen:

  1. Anfallsweiser hoher Blutdruck und Kopfschmerzen, oder auch Dauerhochdruck
  2. Herzklopfen, Herzpochen, Herzrasen
  3. Starkes Schwitzen ohne vorausgegangene Anstrengung
  4. Auftreten von Beschwerden nach Betätigung der Bauchpresse (z.B. beim Gang auf die Toilette)

Alle diese Symptome entstehen durch hohe Blutspiegel der Hormone Adrenalin oder Noradrenalin, die ungeregelt aus dem Tumor der Nebenniere ausgeschüttet werden. Es ist normalerweise möglich, einen derartigen Tumor durch Messung von Adrenalin und Noradrenalin und ihren Abbauprodukten im Blut und Urin nachzuweisen. Blutabnahmen und die Sammlung eines 24-Stunden-Urins sind notwendig, um diese Substanzen zu messen. Ihr Arzt wird Sie möglicherweise anweisen, vor dem Test einige Tage eine Diät einzuhalten: Sie dürfen dann keine Bananen, keine Vanille, keinen Kaffee, keinen Tee, keinen Kakao, keine Schokolade und keine Coca-Cola zu sich nehmen und keine Medikamente wie Beruhigungsmittel und Nasensprays für Erkältungen anwenden. Alle diese genannten Dinge führen nämlich zu einer "natürlichen" Erhöhung von Adrenalin und Noradrenalin bzw. verfälschen das Testergebnis.

Wenn die Blut- oder Urinuntersuchungen positiv ausfallen, d.h. die Werte erhöht oder verdächtig sind, wird Ihr Arzt Ihnen die Durchführung einer Computertomographie oder Kernspintomographie der Nebennierenregion und/oder ggf. eine bestimmte Szintigraphie (MIBG-Szintigraphie) der Nebennieren empfehlen. Ob nur eine oder alle Untersuchungen durchgeführt werden müssen, hängt von den Ergebnissen im Einzelfall lab. Mit diesen Untersuchungen kann man die Lage und die Größe des Tumors feststellen. Dies ist wichtig für die Operationsplanung.

Die Behandlung des Phäochromozytoms ist die chirurgische Entfernung der Nebenniere. Die Entscheidung ob eine oder beide Nebennieren entfernt werden sollen, muß diskutiert werden. Einige Ärzte meinen, daß bei Patienten mit MEN 2a beide Nebennieren entfernt werden sollten, da eine gewisse Wahrscheinlichkeit besteht, daß sich in Zukunft auch in der anderen Nebenniere ein Phäochromozytom entwickelt. Andere Ärzte wiederum meinen, daß die zweite Nebenniere erst dann, wenn sich ein Tumor entwickelt hat, entfernt werden sollte. Darüber sollten Sie mit Ihrem Arzt sprechen.

Bei Patienten, bei denen beide Nebennieren entfernt sind, müssen die fehlenden Hormone Cortisol und Aldosteron durch Tabletteneinnahme ersetzt werden. Cortisol wird durch Cortison (z.B. Cortison Ciba(R), Hydrocortison Hoechst (R)) in 2-3 Gaben über den Tag verteilt, ersetzt, Aldosteron wird durch die Gabe von meist 1 Tablette Fludrocortison pro Tag (z.B. Astonin H(R) ) ersetzt. Die Dosis wird individuell angepaßt.

Es ist sehr wichtig, daß Patienten ohne Nebennieren regelmäßig täglich Cortison einnehmen. Kann ein Patient wegen Übelkeit und Erbrechen oder aus anderen Gründen seine Medikamente nicht einnehmen, muß Cortison intravenös (durch die Vene) ggf. in erhöhter Dosis verabreicht werden. Patienten und Familienangehörige von Patienten ohne Nebenniere sollten lernen, eine Cortisonspritze zu geben für den Fall, daß die Tabletteneinnahme nicht möglich ist. Es ist sehr wichtig, daß Patienten, bei denen beide Nebennieren entfernt worden sind wissen, daß sie in Streßsituationen die Cortisondosis erhöhen müssen. Beispiele für Streßsituation sind Fieber, Erkältungen, Grippe, Operationen oder Narkose. Außerdem ist es für Patienten wichtig, einen Notfallausweis bei sich zu haben oder eine Halskette zu tragen, aus denen klar hervorgeht, daß der Patient keine Nebennieren hat und sie/er in Notfallsituationen eine Cortison-Substitution benötigt. Patienten, die diese einfachen hier aufgelisteten Vorsichtsmaßnahmen beachten, können ein völlig normales Leben ohne Einbußen an Lebensqualität führen.


Die Nebenschilddrüsen

Der Mensch hat in der Regel 4 Nebenschilddrüsen, jede ist kleiner als eine Erbse. Die Nebenschilddrüsen liegen meistens am Hinterrand der Schilddrüse (siehe Abbildung 1 und 2) und produzieren das Hormon Parathormon. Parathormon ist wichtig für die Aufrechterhaltung eines normalen Blut-Calciumspiegels. Sinkt der Blut-Calciumspiegel, wird Parathormon ins Blut ausgeschüttet und bewirkt am Knochen eine Calciumfreisetzung ins Blut. Ist der Blut-Calciumspiegel wieder normal, wird kein Parathormon mehr freigesetzt bis der Blut-Calciumspiegel erneut abfällt. Die Nebenschilddrüsen sind aus zwei Gründen in Familien mit MEN 2a wichtig:

  1. Es wurde bereits erwähnt, daß bei Patienten mit medullärem Schilddrüsenkarzinom durch eine Operation die Nebenschilddrüsen Schaden nehmen können und dann zu wenig Parathormon gebildet wird, wodurch ein niedriger Blut-Calciumspiegel entsteht.
  2. Bei einer geringen Zahl von Patienten mit MEN 2a können die Nebenschilddrüsen überaktiv werden und zuviel Parathormon bilden (Hyperparathyreoidismus).

Das erhöhte Parathormon führ durch die vermehrte Calciumfreisetzung aus dem Knochen zu einem Anstieg des Calciumspiegels im Blut. Ein ständiger Abbau des Knochens durch das Zuviel an Parathormon kann zu einigen Problemen führen:

  1. Der erhöhte Blut-Calciumspiegel kann zu einer vermehrten Ausscheidung von Calcium über die Niere führen, es können sich Nierensteine bilden. Diese Steine können, wie alle Nierensteine, kolikartige Schmerzen, Infektionen oder eine Einschränkung der Nierenfunktion bewirken.
  2. Der ständige Knochenabbau durch das Parathormon führt über Jahre zu einer "Knochenschwäche" und erhöht das Risiko für Wirbelkörper-, Hüft- oder Unterarmbrüche im späteren Leben.
  3. Es kann, allerdings sehr selten, zu einem so starken Anstieg des Calciums im Blut kommen, daß dadurch die Gehirnfunktion bis hin zum Koma (tiefste Bewußtlosigkeit) beeinträchtig werden kann.

Die Behandlung des Hyperparathyreoidismus besteht in der chirurgischen Entfernung der Nebenschilddrüse, die zuviel Parathormon produziert. Meist ist bei Patienten mit MEN 2a mehr als eine Nebenschilddrüse vergrößert. Die Entscheidung, wieviel Nebenschilddrüsengewebe entfernt werden sollte, muß vom Chirurgen während der Operation gefällt werden, da es vor der Operation schwierig ist, das Ausmaß der Nebenschilddrüsenerkrankung festzustellen.


Die Zukunft

Fortschritte in der Diagnostik und Behandlung des familiären medullären Schilddrüsenkarzinoms im Verlauf des letzten Jahrzehnts haben dazu geführt, daß ein sehr hoher Anteil der betroffenen Familienmitglieder, die frühzeitig und regelmäßig untersucht werden und deshalb auch frühzeitig behandelt werden können, vom medullären Schilddrüsenkarzinom geheilt oder vor einem Karzinom bewahrt werden können. Ähnlich kann durch eine regelmäßige Untersuchung die Behandlung der Nebennieren- und Nebenschilddrüsentumoren frühzeitig erfolgen und dadurch schwerwiegende Probleme durch diese Tumore vermieden werden.
 


Ralph Schlenk (glandula@rzmail.uni-erlangen.de), 23.02.98