Wachstumshormon ist ein Hormon, das heißt ein Botenstoff, der im Gehirn in der Hirnanhangsdrüse gebildet und stoßweise - vor allem nachts - in den Blutstrom abgegeben wird. Wachstumshormon wir auch Somatotropin oder GH (vom englischen Growth Hormone) genannt. Die Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) ist ein Drüsenorgan, das sich im vorderen Abschnitt des Gehirns befindet. Die Hypophyse steuert viele Körperfunktionen, indem sie Botenstoffe (Hormone) herstellt und bei Bedarf in den Blutstrom abgibt. Die von der Hypophyse hergestellten Hormone steuern die Schilddrüsenfunktion und die Funktion der Nebennieren. Hypophysenhormone regeln auch Wachstum, Entwicklung und Funktion der Eierstöcke bei der Frau und der Hoden beim Mann.
Wachstumshormon (GH) ist wichtig für das Längenwachstum während der Kindheit und Jugendzeit. Dabei ist Wachstumshormon eine Botensubstanz (Übermittler), die für alle Gewebe die Botschaft zum Wachsen übermitteln kann. Vor allem Knochen und Muskeln benötigen Wachstumshormon, um wachsen zu können. GH ist aber auch für den Fettstoffwechsel, den Zuckerhaushalt, den Knochenstoffwechsel und viele andere Körperfunktionen beim Erwachsenen wichtig. Viele Substanzen, seelische und körperliche Belastung (Streß), und die Nahrungsaufnahme bestimmen, ob, wann und wieviel GH von der Hirnanhangsdrüse in den Blutstrom abgegeben wird.
Ein Wachstumshormonmangel kann im Erwachsenenalter auftreten, oder aber angeboren sein oder bereits in der Kindheit oder Jugend erworben worden sein.
Kinder und Jugendliche mit Wachstumshormonmangel wachsen weniger als ihre Altersgenossen und bleiben klein. Häufig sind Kinder mit Wachstumshormonmangel relativ dicklich und haben weniger Energie und Kraft als ihre gleichaltrigen Freunde. Ein rundes, fast puppenhaft wirkendes Gesicht, geringe Muskelmasse und besonders eine sehr geringe Größe weisen beim Neugeborenen oder sehr jungen Kind auf einen Wachstumshormonmangel hin. Tritt ein Wachstumshormonmangel erst im Laufe der Kindheit oder Jugendzeit auf, so macht sich dies in einer Verlangsamung der Wachstumsgeschwindigkeit, d.h. in einem Zurückbleiben der Körperlänge des betroffenen Kindes gegenüber der Körperlänge Gleichaltriger bemerkbar.
Erwachsene mit Wachstumshormonmangel haben oft zuviel Fettgewebe, leiden an Knochenbrüchigkeit, Energiemangel, Mattigkeit und haben wenig Muskelkraft. Allerdings gibt es außer einem Wachstumshormonmangel viele andere Gründe, warum ein Kind nicht wächst bzw. warum es beim Erwachsenen zu Müdigkeit, Übergewicht und Knochenbrüchigkeit (Osteoporose) kommen kann. Ein Wachstumshormonmangel spielt dabei sogar nur selten die entscheidende Rolle.
Ein Wachstumshormonmangel kann von Geburt an vorliegen. In den seltensten Fällen ist dies die Folge eines vererbten Genfehlers. In der Regel ist ein Wachstumshormonmangel also nicht vererbt, d.h. wird nicht von den Eltern oder Großeltern an die Kinder weitergegeben. Kinder mit angeborenem Wachstumshormonmangel sind häufig besonders klein, und leiden nicht selten kurz nach der Geburt an Unterzuckerung und Krämpfen. Eine Reihe von erworbenen Erkrankungen wie Verletzungen, Tumoren oder Infektionen des Gehirns können zu jeder Zeit im Leben eines Menschen einen Wachstumshormonmangel auslösen. Auch im Gefolge einer Behandlung von schweren Erkrankungen mit sogenannten Zytostatika oder nach Bestrahlungen des Kopfbereiches kann es bei Kindern und bei Erwachsenen zu einem Wachstumshormonmangel kommen. Sehr häufig läßt sich die genaue Ursache eines Wachstumshormonmagels im Kindesalter aber nicht feststellen.
Endokrinologen, das heißt Ärzte und Ärztinnen, die sich besonders mit Hormonen und der Diagnostik und Behandlung von Hormonkrankheiten auskennen, können eine Reihe von Untersuchungen durchführen, mit denen ein Wachstumshormonmangel gefunden bzw. ausgeschlossen werden kann.
Zwei Stoffe, die IGF-I und IGFBP-3 heißen, und deren Vorkommen im Körper vom Wachstumshormon gesteuert wird, können im Blut gemessen werden. Sind diese zwei Substanzen im Blut in zu geringer Menge vorhanden, müssen sogenannte Wachstumshormon-Stimulationstests durchgeführt werden. Dabei gibt der Arzt/die Ärztin Substanzen wie Arginin, Clonidin, oder L-DOPA in den Blutstrom. Dadurch wird beim Gesunden die Hirnanhangsdrüse dazu gebracht, Wachstumshormone in die Blutbahn abzugeben. Auch wenn künstlich, etwa durch die Gabe von Insulin, eine Unterzuckerung des Blutes ausgelöst wird, wird beim Gesunden, der keinen Wachstumshormonmangel hat, die Hypophyse Wachstumshormon ins Blut abgeben. Bleibt die Ausschüttung des Wachstumshormons ins Blut aus, liegt ein Wachstumshormonmangel vor. Um einen Wachstumshormonmangel sicher feststellen zu können, müssen zwei solcher Stimulationstests durchgeführt werden, da das Ansprechen auf diese Tests bei verschiedenen Menschen sehr unterschiedlich sein kann. Augenärztliche Untersuchungen und eine Kernspin- oder Computertomogramm-Untersuchung des Kopfes müssen bei einem nachgewiesenen Wachstumshormonmangel durchgeführt werden.
Ein Wachstumshormonmangel wird behandelt, indem das fehlende Hormon ersetzt wird. Dabei muß das Wachstumshormon mit einer Spritze oder einem sogenannten "Pen" in das Unterhautfettgewebe gespritzt werden. Wachstumshormon in Tablettenform kann nicht wirken, da es im Magen-Darm-Trakt verdaut und damit unwirksam gemacht werden würde. Das Wachstumshormon wird am besten täglich am Abend gespritzt.
Die Behandlung ist heute noch immer sehr teuer. Bei einem nachgewiesenen Wachstumshormonmangel bei Kindern oder Jugendlichen und bei Mädchen mit Ullrich-Turner-Syndrom, einer Störung der Geschechtschromosomen, werden die Kosten der Behandlung von den Krankenkassen übernommen. Bei Erwachsenen mit Wachstumshormonmangel werden die Kosten einer Wachstumshormon-Behandlung noch nicht generell von den Krankenkassen gedeckt. Das gleiche gilt für kleinwüchsige Kinder mit Nierenerkrankungen (renaler Kleinwuchs).
Wenn ein Wachstumshormonmangel beim Kind oder beim Jugendlichen vorliegt, wird das Hormon heute als Medikament meistens solange gegeben, bis die zu erwartende Endlänge erreicht ist oder die Knochenlänge sich nicht mehr viel verändern kann. Die Dauer und Form der Wachstumshormonbehandlung beim Kind und Jugendlichen und besonders auch beim Erwachsenen muß aber individuell von Ärztinnen und Ärzten festgelegt und überwacht werden, die sich besonders mit Hormonen und der Diagnostik und Behandlung von Hormonkrankheiten auskennen. Regelmäßige Besuche beim Endokrinologen sind für Kinder und Jugendliche mit Wachstumshormonmangel bedeutungsvoll. Dabei sollten vierteljährliche Kontrolluntersuchungen mit Blutabnahmen zum Aufspüren von Nebenwirkungen durchgeführt werden. Ein genaues Messen von Größe, Gewicht, Kopfumfang sowie die sorgfältige körperliche Untersuchung des Kindes und Jugendlichen sind unabdingbar. In 1-2jährigen Abständen müssen Röntgenaufnahmen der linken Hand mit einem Teil des Unterarms angefertigt werden. Mit Hilfe solcher Röntgenaufnahmen läßt sich das Heranreifen und Heranwachsen der Knochen sehr gut beurteilen.
Rentenansprüche bestehen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Wachstumshormonmangel in unterschiedlichem Maße. In der Regel werden von den Versicherungsträgern ärztliche Gutachten angefordert, nach denen entsprechende Ansprüche geltend gemacht werden können.
Ein Zuviel an Wachstumshormonen kann ein überschießendes Wachstum innerer Organe oder Knochen bewirken. Eine zu hohe Wachstumshormondosis kann eine Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus) auslösen. In der Regel verschwindet diese Form der Zuckerkrankheit wieder, wenn das Wachstumshormon niedriger dosiert wird oder gar nicht mehr gegeben wird. Bei Bein- und Hüftschmerzen muß an seltene Hüftkopfveränderungen unter GH-Therapie gedacht werden. Bei chronischem Kopfschmerz sollte ein vorgetäuschter Hirntumor (Bendotumor cerebri) ärztlich ausgeschlossen werden. Es gilt heute als sicher, daß Wachstumshormon an sich nicht krebsauslösend ist. Zu einem gehäuften Auftreten von Blutkrebs (Leukämie) kommt es bei mit GH behandelten Patienten nicht. Allergische Reaktionen an der Einstichstelle werden gelegentlich beobachtet.
Frage:
Kann Wachstumshormon gegeben werden, wenn gleichzeitig andere
Medikamente eingenommen werden müssen?
Antwort:
Ja, in der Regel kann Wachstumshormon auch dann gegeben werden,
wenn wegen anderer Erkrankungen Antibiotika, Kortison, oder andere
Medikamente eingenommen werden müssen. Bei Zweifeln sollte
ein Endokrinologe um Rat gefragt werden.
Frage:
Kann im Rahmen einer Wachstumshormonbehandlung ein Riesenwuchs
entstehen?
Antwort:
Nein, eine Wachstumshormonbehandlung in den üblichen
Dosierungen kann nicht zu Riesenwuchs führen.
Frage:
Kann Wachstumshormon auch während Zeiten von zusätzlichen
Erkrankungen (z. B. bei fieberhaftem Infekt oder nach einem Knochenbruch)
gegeben werden?
Antwort:
Ja. Wachstumshormon wird aufbauend (anabol) und ist in solchen
Situationen eher nützlich als schädlich.
Frage:
Ist es gefährlich, die Wachstumshormonbehandlung etwa
wegen eines Ausflugs für einen Tag (oder für einige
wenige Tage) auszusetzen?
Antwort:
Nein, denn die Wirkung des Wachstumshormons hält über mehrere Tage durch Stimulation der Wachstumsfaktoren in der Leber an.
Endokrinologie: Lehre von den Hormonen und Hormonkrankheiten
Hypophyse: Hirnanhangsdrüse
Kernspintomogramm: Untersuchungsverfahren mit Magnetfeldern
Leukämie: Blutkrebs
Osteoporose: Knochenbrüchigkeit
Tumoren: Krebsgeschwulst
Ullrich-Turner-Syndrom: Störung der Geschlechtschromosomen bei Mädchen, die mit einem Kleinwuchs einhergeht.
Wachstumshormon (Somatotropin, Growth Hormone): für das Wachsen zuständige Botensubstanz
© Netzwerk Hypophysen- und Nebennierenerkrankungen e. V., Krankenhausstraße 12, 91054 Erlangen
An der Erstellung der Broschüren haben zahlreiche Patienten (Mitglieder des Netzwerks) mitgewirkt sowie folgende Ärzte (in alphabetischer Reihenfolge):
Prof. Dr. B. Allolio, Würzburg; Prof. Dr. G. Brabant, Hannover; Dr. M. Breidert, Leipzig; Priv.-Doz. Dr. M. Buchfelder, Erlangen; Priv.-Doz. Dr. H.-G. Dörr, Erlangen; Prof. Dr. P. Gross, Dresden; Dr. I. Harsch, Erlangen; Prof. Dr. J. Hensen, Erlangen; Priv.-Doz. Dr. W. Kiess, Gießen; Prof. Dr. W. Rascher, Gießen; Dr. M. Reincke, Würzburg; Prof. Dr. W. Scherbaum, Leipzig; Prof. Dr. R.-P. Willig, Hamburg.
Wichtiger Hinweis: Medizin und Wissenschaft unterliegen ständigen Entwicklungen. Autor, Herausgeber und Verlag verwenden größtmögliche Sorgfalt, daß vor allem die Angaben zu Behandlung und medikamentöser Therapie dem aktuellen Wissensstand entsprechen. Eine Gewähr für die Richtigkeit der Angaben ist jedoch ausdrücklich ausgeschlossen. Jeder Benutzer muß im Zuge seiner Sorgfaltspflicht die Angaben anhand der Beipackzettel verwendeter Präparate und ggf. auch durch Hinzuziehung eines Spezialisten überprüfen und ggf. korrigieren. Jede Medikamentenangabe und/oder Dosierung erfolgt ausschließlich auf Gefahr des Anwenders.